Chicken Tikka Masala: Der Cliff Richards des Essens

Diese wunderbare Geschichte ist nicht von mir, sondern von Christian Cummins und ist zuerst im All You Can Eat Nr. 2, der Fremd-Ausgabe erschienen. Weil es kommende Woche im Gruss aus der Küche um Chicken Tikka gehen wird, poste ich sie hier nochmals. 

Ich habe Chicken Tikka Masala immer für die Art von Curry gehalten, die du bestellst, wenn du zufällig in einem indischen Lokal landest, aber eigentlich kein indisches Essen magst. Es ist, wie Pizza Margarita beim Italiener bestellen: Nichts kann wirklich schief gehen, es wird dich satt machen, und zu viel Bier aufsaugen. Vage orange-rötlich, in Joghurt schwimmend und nicht zu scharf, gibt CTM (wie es liebevoll genannt wird) auch dem Curry-Verächter die Möglichkeit, bei der Curryparty mitgemacht zu haben. Es ist ein höfliches Gericht, unauffällig und langweilig, das kulinarische Äquvalent zu Fahrstuhlmusik, der Cliff Richards des Essens. Und genauso wie Sir Cliff ist es britisch und indisch. Oder?

Es klingt zumindest so. Das Wort Tikka kommt aus dem Punjab im Norden Indiens, und bezeichnet Fleisch oder Gemüse, das mariniert und dann in einem Tandoori Ofen gebacken wurde. Massala ist einfach das Hindi Wort für Gewürze. Dabei könnte das Gericht genauso gut einen schottischen Namen haben –  denn glaubt man der Legende, ist es weit entfernt von den Ebenen des Subkontinents entstanden. Ein Glasgower Koch namens Ahmed Aslam Ali, Sohn pakistanischer Einwanderer, nimmt für sich in Anspruch, das Rezept entwickelt zu haben, in einem bescheidenen Restaurant namens Shish Mahal. 

Die Geschichte, die Mr. Ali einst der BBC erzählte, ist ziemlich witzig, weil sie gleich mit zwei Klischees spielt: Dem grantigen, wenig experimentierfreudigen aber schließlich doch gutherzigem einheimischen Schotten, der auf die anpassungsfähige, innovationsfreudige Kultur des frisch Eingewanderten trifft. In einer dunklen, nassen schottischen Nacht (kann man sich eine andere Art vorstellen?) beschwerte sich ein müder Busfahrer, der im Shish Mahal nach einer langen Schicht speiste, dass sein Curry zu. trocken sei. Was konnte man da tun? Ali konsultierte seinen Vater, der an einem Magengeschwür litt, auf Anraten seines Arztes auf Gewürze verzichtete und gerade einen Tomatensuppe schlürfte. „Warum leerst du nicht einfach etwas Tomatensuppe und ein paar Gewürze ins Curry?“, soll er seinen Sohn gefragt haben. Gesagt, getan, und der Busfahrer war von dem neuen Gericht nicht nur besänftigt, sondern begeistert. Bald kam er mit einer Runde Freunden zurück, die alle nach dem rötlichen Curry verlangten. Chicken Tikka Massala war geboren.

Solche Geschichten über kulturübergreifende Befruchtungen sind nicht nur charmant, sondern auch politisch nützlich. Der verstorbene Britische Aussenminister Robin Cook war es, der Chicken Tikka Massala zu einem Sinnbild eines multikulturellen Großbritanniens erhob: In einer Rede, die als Chicken Tikka Massala Speech in die Geschichte eingehen sollte, nannte er es das „britische Nationalgericht“, und meinte, die rotbraune Pampe sei beispielhaft dafür, wie Großbritannien „äußere Einflüsse aufnimmt und adaptiert.“ Ein cremiges Curry wurde damit zu mehr als bloß einem Gericht: es wurde ein Symbol. Großbritannien hatte das Fremde umarmt, ihm aber gleichzeitig seinen Stempel aufgedrückt – das ist es, was wir Assimilation nennen.  Ich bin mir nicht sicher, ob Cook in seiner Rede recht hatte, aber er war zumindest einer der wenigen britischen Labour Abgeordneten, der den Irak-Krieg, das spätere Disaster, von Anfang an mutig und lautstark ablehnte – er hat es sich also verdient, hier im Zweifel Recht zu bekommen. Er glaubte an CTM und nicht an Massenvernichtungswaffen – er lebe dafür hoch. 

Seither ist CTM jedenfalls ein solcher Inbegriff britischen Nationalstolzes geworden, dass die Schotten sogar die Brüsseler Bürokraten eingeschalten haben. 2009 gab  es eine Initiative, CTM als Spezialität mit geschützter Herkunftsbezeichnung in der EU zu registrieren. Wenn die braven Bürger Parmas das exklusive Recht auf die Vermarktung von Parmesan haben und nur die Winzer der Champagne ihren Schaumwein Champagner nennen dürfen, warum sollte dann irgendwer anderer als die Schotten sein cremiges Hühnercurry Chicken Tikka Masala nennen dürfen?

Die Idee sorgte für Verstimmung in Indien. Die gleichen Kulinarik-Historiker, die CTM zunächst verspottet hatten, begannen nun, es selbst zu vereinahmen, wütend ob der Bastardisierungsgeschichte aus Glasgow. Sie stiegen in die Archive hinab, um eine edlere Herkunft zu belegen, bis zurück zu den Küchenchefs am Hof der Mughal-Herrscher, die das sättigende Gericht für Adelige gekocht haben sollen, die durch den Dschungel wanderten.

Ich kann nicht behaupten, zu wissen, wer Recht hat, aber die Glasgower Version klingt richtiger. Einer Nation, die sich entschloß, Milch in Tee zu kippen – in das altehrwürdige, seit Jahrtausenden zelebrierte Getränk des Ostens – würde es ganz selbstverständlich erscheinen, Tomatensuppe in eine indische Speise zu leeren. Eine Insel, auf der kein einziger Teebusch gedeiht, die aber gleichtzeitig die Kühnheit hat zu behaupten, als einzige Weltweit zu wissen, was eine „good cuppa tea“ ist, sollte CTM für sich beanspruchen dürfen. 

Denken Sie aber nicht, dass es von Anfang klar war, dass ein Curry wie CTM es zum britischen Nationalgericht bringen würde. Die Beziehung zwischen Briten und Currys war einst geprägt von Spannungen und Missverständnissen, vor allem in der frühen Kolonialzeit. Es gibt Unmengen an Briefen von frühen Eroberern und Entdeckern, die über den „Gestank“ von Knoblauch in den „einheimischen“ Gerichten lästerten, und über die primitive Methode, alles mit feurigen Chilis zu schärfen.  Zur gleichen Zeit wurden die ersten anglo-indischen Gerichte in Großbritannien kreiert, und der Pfad für CTM geebnet: In ihrem faszinierenden Buch „Curry: A Biography“, schreibt Lizzie Collingham über die südasiatischen Schiffsbesatzungen, die in den 1840ern in London an Land gingen, das harte Seefahrerleben hinter sich lassen wollten, und daher als Köche arbeiteten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Dennoch: bis in die 1960er (wenn es denn damals wirklich aufhörte) beschwerten sich die Briten regelmässig, dass das Essen und Kochen ihrer neuen asiatischen Nachbarn „stank“. 

Das ist ganz offensichtlich peinlich, und ich stelle mir gern vor, damals lebte eine andere Art von Briten. Vor der Blütezeit des Kolonialismus und gleichzeitig der Ära britischer Überheblichkeit, gab es eine Zeit, in der alles Südostasiatische mehr geschätzt und gewürdigt wurde. Sir David Ochterlony, einer der frühen Statthalter der Britisch East Indian Company in Delhi, umarmte die persischen Mhugal Kultur: Er soll 13 indische Frauen gehabt haben, die er auf Ausritte auf Elefanten auf den Mauern des Roten Forts mitnahm, dem Palast der Mughal-Herrscher. Nachher soll er sich zu vegetarischen Curry-Festen niedergelassen haben. Britisch-Indiens berühmteste Schriftsteller, Ruydyard Kipling, war ebenfalls ein Curryfan. Der Held seines Romans „Kim“ sehnt sich nach „Lamm, mit Butter und Kohl gedünstet, Reis mit starkem Kardamon gewürzt oder mit Safran gefärbt, nach Knoblauch und Zwiebel, und der verboten fetten Süße des Bazars.“ So schreibt nur ein Mann, der gut gegessen hat. 

Aktuell haben wir übrigens eine neue Stufe in unserer Beziehung zu CTM erreicht, und ich gebe Fernsehköchen wie Jamie Oliver die Schuld. CTM war einmal ausschließlich ein Take Away oder Restaurant-Gericht. Jetzt wird von Briten aller Ethnien erwartet, indisches Essen auch selbst zu Hause zu kochen, und die Supermärkte haben uns der letzten Ausreden beraubt, indem sie all die nötigen Gewürze anbieten. Es gibt daher eine neue CTM-Leidenschaft: darüber diskutieren, wie man es am besten kocht. 

Ein Großteil der Diskussion dreht sich dabei ums Huhn. Die meisten Briten bevorzugen die Brust anstatt des graueren, aber interessanteren Bein- und Flügelfleischs. Aber wie soll sie geschnitten werden? In dicken Würfeln, um aus der Sauce hervor zu stechen, oder soll sie klein gehackt werden, damit sie mit dem Knoblauch und dem Ingwer in einem einzigen, zähflüssigen Brei verschmilzt? Wie soll sie gekocht werden? Ein Tandoori Ofen ist selbstverständlich das beste, aber wie wäre es zum Beispiel mit einem Holzkohlegrill im Hinterhof? Gehört etwas Saures ins Joghurt, vielleicht Limetten oder Zitronensaft? Und soll die Farbe eher vom Paprikapulver oder von der Tomatenpaste kommen?

Ich erwähne das nur nebenbei – mir ist es nämlich völlig egal. Sollten Sie bei mir zum Essen vorbei kommen, würde ich die Hühnerbrust mit fertiger Gewürzpaste marinieren, Dosentomaten dazu leeren und alles mit Joghurt bedecken, es ins Rohr schieben und dann 20 Minuten fernsehen, während es bäckt. Wenn es gut genug ist für den schottischen Busfahrer, ist es gut genug für Sie. Es ist Chicken Tikka Masala: Iss es einfach. Es macht satt und saugt das Bier auf. 

Text von Christian Cummins

Die All You Can Eat Ausgabe Nr. 2, Fremd, mit dieser und noch viel, viel mehr Geschichten gibt es nach wie vor unter allyoucaneatmagazine.com zu kaufen

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